9. Mai – Mahnwache in Herford

Mahnwache am 09. 05. 2011 auf dem Alten Markt in Herford

Lothar Bratfisch (Vertreter der attac-Gruppe)hat einen tollen Bericht von der Mahnwache in Herford geschrieben. Man kann es nicht anders sagen, aber die Herforder geben sich sehr viel Mühe und haben immer wieder tolle Aktionen und Redner.
Da können wir uns wohl alle „eine kleine Scheibe von abschneiden“ 🙂

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der heutigen Mahnwache zum Gedenken an die Opfer der Atomkatastrophen und zur Forderung nach einem schnellen Ausstieg aus der gefährlichen Atomenergie.

Einleitend will ich sagen, dass ich heute nicht Gründe für die Ablehnung der Atomenergie aufzählen möchte. Soweit ich denken kann, ist in den letzten Wochen schon alles Grundsätzliche gesagt worden. Ich habe vor, von zwei persönlichen Erinnerungen bzw. Erfahrungen zu reden. Daran anknüpfen möchte ich zwei Denkanstöße für uns.

Unsichtbare Strahlung kann furchtbare sichtbare Zerstörungen anrichten
Wir alle wissen, dass auch Strahlen – ich sage mal wissenschaftlich eventuell nicht ganz treffend – auch radioaktive Strahlen in der Medizin eingesetzt wurden und werden. Diese Strahlen sollen dann zumeist bestimmte Körperzellen des Patienten – vor allem Geschwülste – zerstören und auf diese Weise am weiteren Wachstum hemmen. Vor über 50 Jahren wurde einem Menschen, der mir persönlich sehr nahe stand, eine Strahlentherapie verschrieben. Diese wurde in einer deutschen Universitätsklinik durchgeführt. Dabei muß etwas – oder eine ganze Menge – fehl gelaufen sein. Die radioaktive Strahlung hatte nicht nur das angezielte Gebiet zerstört, sondern auch weitere Teile des Körpers. Nach einiger Zeit verfärbte sich die Haut und riß auf. Darunter kam ebenfalls zerstörtes und verfärbtes Fleisch zum Vorschein. Der Patient mußte ständig neu verbunden werden. Das Loch im Körper wurde größer. Das sah nicht nur furchtbar aus. Diese große Wunde hatte einen ganz schlimmen Geruch. Zu Beginn des Jahres 1957 starb der Patient.
Unsichtbare Strahlung kann furchtbare sichtbare Zerstörung anrichten. Das musste ich mir nicht anlesen. Das habe ich miterlebt. Das gehört zu den deprimierendsten Erlebnissen in meiner Jugend. Angst vor solcher Strahlung muss man mir nicht einreden. Die habe ich bereits.

Nun die Anregung für uns
Jede und jeder von uns hat doch wohl bestimmte Erfahrungen gemacht, die sie oder ihn zur heutigen Beurteilung und zur Ablehnung der Atomkraftgefahren gebracht haben. Die Erfahrungen, die wir uns nicht angelesen haben, die wir machen mussten. – Laßt uns lernen, davon zu reden! Vielleicht finden wir Menschen, die dann mitempfinden und dann auch zu neuer Beurteilung und zur Ablehnung der Atomkraft kommen.

Eine zweite Erinnerung
Sie hat zunächst mit einer militärischen Einrichtung zu tun. Aber ich komme auf die AKWs zurück.
Es war im Sommer 1962. Ich lebte damals in Heidelberg und fuhr zu einer Tagung mit religiösem Thema in die Pfalz, also über den Rhein nach Westen in die Gegend von Kaiserslautern. In einer der Mittagspausen ging ich mit einem Bekannten gemeinsam spazieren. Dabei fiel uns auf, dass aus dem Wald vor uns ein eigenartiges Geräusch kam, wie von einem Motor vielleicht. Wir wanderten auf das Geräusch zu und gelangten vor einen Zaun.
Hinter dem Zaun waren zwei fest installierte Startrampen und darauf zwei militärische Flugkörper. Sauber, elegant. Natürlich wußten wir: solche Flugkörper gehören zur atomaren Abschreckung. Sie trugen Atomsprengköpfe. Das Geräusch kam von einem für uns nicht sichtbaren Motor. Der konnte einen Generator antreiben oder aber auch die Pumpen für den flüssigen Treibstoff der Flugkörper. Die ganze Anlage machte den Eindruck, als seien diese Atomwaffen innerhalb kürzester Zeit startbereit. Es war eine Feuerstellung des Missile Wing Sembach (Flugkörpergeschwader Sembach). Wir sahen die Sache und drehten uns um zum Rückweg. Kurz darauf kam ein Militärfahrzeug hinter uns her. Wir hielten es an und baten ums Mitfahren zurück zum Ort. – Es gab damals noch kein Mißtrauen gegen jedermann. – Auf der kurzen Fahrt redeten wir mit dem Soldaten – auch über die Flugkörper. Im Gedächtnis ist mit nur geblieben, dass der Soldat sagte „to Russia, to Russia“. Also diese Flugköper sollten nach Osten fliegen, um Tod und Verderben zu bringen.

Wir waren das damals gewohnt, dass es solche Waffen gab
Und wir lebten in dem Vertrauen, dass die Politiker und die Generäle und Soldaten schon aufpassen würden, dass diese Waffen nicht eingesetzt werden würden. Deutschland wäre im Fall eines Krieges atomar verwüstet worden. Das wußten wir. – Ich fühlte mich später dann von der Last dieses Gedankens und von diesem Vertrauenmüssen befreit, als nach 1989 die Atomwaffen in Mitteleuropa weitgehend abgebaut wurden.

Doch nun zurück zu den AKWs
Inzwischen wurde uns mitgeteilt, dass das Zerstörungspotential eines Atomkraftwerks dem einer der damaligen Atombomben entspricht. – Ein AKW ist eine schlafende Bombe? Nein, nicht einmal schlafend, sondern hellwach. Wenn die Kettenreaktion in Gang gesetzt ist, dann ist sie auch grundsätzlich explosionsbereit. Darum müssen Minute für Minute, Stunde um Stunde, Tag und Nacht die Mitarbeiter des AKW, die Operatoren, aufpassen und bremsen, dass das AKW nicht explodiert. Damals mußten Soldaten aufpassen, dass unser Land nicht verwüstet wurde. Heute die Operatoren. Schon wieder – oder immer noch! – muß ich auf andere Menschen vertrauen, dass mir nicht Leben oder Gesundheit oder gar die Heimat genommen werden. Dies Vertrauen strengt mich an, es macht mich müde. Ich mag nicht mehr. –
Warum sage ich das? – Vielleicht geht es etlichen unter Euch/unter Ihnen ganz ähnlich. Dann sollten wir versuchen, es anderen Menschen zu sagen. Es geht in der Sache Atomenergie nicht nur um Gründe und Argumente, es darf auch gesagt werden, wie es und im Innern damit ergeht. – Oft ist es doch so, wenn wir als Besserwisser oder Belehrende empfunden werden, dann wehren sich andere gegen uns. Doch hoffentlich verstehen sie uns, wenn sie spüren, dass wir unter der atomaren Gefahr leiden. Jeder von uns kann da seine ganz persönlichen Akzente setzen.

Gutes Gelingen wünsche ich.

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